Bon voyage, Leverkusener Jazztage.

Eigentlich sollte man darauf stolz sein können. Auf das traditionsreiche deutsche Jazzfestival in der Rheinmetropole Leverkusen. Schließlich trifft sich hier seit nunmehr 33 Jahren die internationale Musikelite. Da nimmt der interessierte Musikfan auch gerne den beschwerlichen Weg in die Bayer-Stadt auf sich – auch um sich am liberalen Duktus der als gebildet bürgerlich geltenden Leverkusener zu ergötzen. „Trés bon“, möchte man meinen. Aber bei meinem Besuch gestern auf dem Vorzeigefest war gar nichts „Bon“.

Was nimmt man nicht alles in Kauf, um einmal wieder unter die Leute zu kommen und etwas Musik zu hören. Wie gut, dass jeden Herbst die Tanzflächen in der Nachbarschaft von Köln von den „Jazztagen“ in Leverkusen erhitzt werden. Schon seit 33 Jahren leistet sich die 160.00 Einwohner der Industriestadt am Rhein zeitgenössische Musikkultur. Es gilt als schick den Weg in die verschiedenen Veranstaltungsstätten Leverkusens zu nehmen, um der Musikkunst zu frönen. Wahrscheinlich ist das Vorort-Festival auch gut bezahlt. Immerhin verirren sich einige Stars in diese rheinischen Gefilde.

Und so traf örtliche und musikalische Prominenz im vor 40 Jahren aus Fertigbetonteilen geschaffenen Leverkusener Forums aufeinander. 3.000 Gäste lauschen der Mischung aus Funk und Beat. Incognito und Candy Dulfer spielen auf.

Es hätte alles so schön sein können. Eine Regionalbank präsentierte sich jung und schnittig mit einem mobilen Fotostand, auf dem die Gäste sich inmitten einer elekronisch erzeugten Jazz-Band fotografieren lassen können. Frisch geschmierte Metthäppchen und Lachsbagels lachten durch die Kühltheken. Beschaulich. Meine Frau fühlte sich an unsere örtliche Schul-Aula erinnert.

Aufgrund fehlender Schilder stellten wir uns zu Dritt in Erwartung der Garderobe am Ende einer langen Besucherschlange an. Schließlich stellten wir fest, dass die Garderobe dahinter lag – ganz ohne Anstehen. Wir standen an der Bon-Kasse an. Bons? Ja, diese Ersatzwährung bin ich von den Schützenfesten im Bergischen Land durchaus gewohnt. In Leverkusen auf den Jazztagen gibt es aber besondere Regeln rund um den Einsatz der Papierschnipsel. Die Dame an der Lasse erklärt mir (und sämtlichen anderen Gästen die in den 20 Minuten vor und hinter mir auf das Zahlungsmittel warteten) wie es hier läuft: „Mit dem ersten Getränk wird ein Bon als „Pfand“ einbehalten. Dieser kann selbstverständlich am Ende des Abends wieder in Hartgeld (EUR 2,50) zurückgetauscht werden“. So verlief der Abend bei Fahrstuhlmusik und ständigem Rein- und-Raus Verkehr. Ich war eifrig bemüht meine aus 2 Personen bestehende Begleitung mit Frischgetränken und Snacks zu versorgen. Als wir uns zum Gehen entschließen, blicke ich auf meine letzten 3 Bons. Die Dame an der Kasse will mir allerdings nur 2 dieser Bons erstatten. „Nur diese Bons haben den roten Strich“.

Jetzt sah ich es auch! Nur 2 der mir zurückgegebenen Bons trug den dünnen roten Streifen. Eine der Bons, die mir zurückgegeben wurden, hatte diesen Strich nicht. Siehe Beweisstück F in der beiliegenden Aufnahme. Die haben einen an der Waffel, dachte ich. Auf meine Frage, ob es denn nun einen Unterschied machen würde, ob ich 3 rote oder 3 weisse Bons zurückgäbe, erhielt ich nur: „Da müssen Sie zur Festivalleitung gehen, isch kann dat nisch entscheiden“. Nun waren wir zu dritt, wir hatten immer drei Pfandgetränke. Am Ende galt unser Dank der Verwaltung dieses musikalischen Events in der Provinz. Ich unterstütze regionale Kultur von ganzem Herzen. Auf dass genug Geld für die Bons im nächsten Jahr in den Kassen schlummere. Kleiner Tipp, liebe Jazztage: im kommenden Jahr in jedem Fall blaue Bon´s nehmen. Sonst bringe ich meinen gar wieder mit. Ich bin für Bon-Zwang in der Musikszene. Rettet den Bon!

Danke, Leverkusen. Danke Jazztage. Und gute Reise noch.

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2 Kommentare

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2 Antworten zu “Bon voyage, Leverkusener Jazztage.

  1. Michael Gorny

    Man möchte es nicht meinen, aber diese Provinzialität ist weiter verbreitet, als man spontan denkt. Ich habe mir gestern den Tag im Mercure Hotel in Krefeld bei der jährlichen Hausmesse der Analog Audio Association vertrieben (was sehr gut zu Deinem Avatar passt). Dort an der Hotelbar kann man traditionell verdursten und verhungern. Der Chefbarista ist permanent überfordert und schafft es durchaus regelmäßig gleichzeitig mehrere Kollegen mit ein und derselben Kleinigkeit zu beschäftigen, während Theke und Tische bestens mit Menschen gefüllt sind. Also, ruhig bleiben und sich dem Schicksal ergeben…

  2. Das ist ja das Schlimme: man ergibt sich seinem Schicksal. Aber eigentlich sollte man den Leuten wirklich einmal den Puls fühlen. Haben komplett den Blick für die Realität verloren. Entwickeln irgendwelche krude Methoden ohne sich Gedanken darüber zu machen, wie sehr sie mit – wahrscheinlich gut gemeinten – Regeln unsere Zeit verschwenden. Aber so lange die üppigen Zuschüsse der lokalen Pharma-Industrie fließen, wird niemand wach.

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